Donata hängt im Museum ab

Donata hängt im Museum ab
4. August 2015 manuel

Im Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg tummeln sich derzeit zugehackte Opas, traditionsreiche Frauen aus Birma und nackte Tätowier-Freunde. Noch bis September zeigt die Ausstellung “Tattoo” die vielen Facetten der Körperkunst. Und mittendrin: ein buntes Schwein.

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Da sitzt das arme Schwein und kriegt vom Drumherum nichts mehr mit. Foto: Michaela Hille

So viel hat Donata zu ihrem Lebtag wohl kaum zusehen bekommen. Schade nur, dass sie davon nichts mehr mitbekommt: Vor Videoinstallationen und akkurat aufgehängten Großformaten sitzt mitten im Museum ein totes Schwein. Die präparierte Donata wurde 2005 vom belgischen Konzeptkünstler Wim Delvoye unter Narkose tätowiert. Jetzt hockt sie mit rund 250 anderen Exponaten im Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg. Das Museum spendiert der traditionsreichen Körperkunst noch bis September ein paar Räume: Die Ausstellung “Tattoo” bebildert die Geschichte der Tätowierung vom späten 19. Jahrhundert bis heute. Eine Tattoo-Ausstellung von vergleichbarem Umfang gab es in Deutschland bisher nicht, “Tattoo” wurde vor dem Gastspiel in Hamburg von Susanna Kumschick für das Schweizer Gewerbemuseum Winterthur kuratiert.

Unter den vielen Exponaten hat sich auch Tattoo-Legende Herbert Hoffmann gesellt.

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Gut gelaunt und bunt bemalt im hohen Alter: Tattoo-Legende Herbert Hoffmann auf einer Fotografie der Kantonsbibliothek Appenzell Ausserrhoden, Trogen.

Ein etwas bekannteres Tattoo-Gesicht als Donata das Hausschwein ist auch dabei. “Zu meinem siebzigsten Geburtstag ließ ich mir beide Hände bis zu den Fingerspitzen ganz voll tätowieren. Damit war endlich mein Jugendwunsch erfüllt.” – Herbert Hoffmann gehörte zu den berühmtesten Figuren der internationalen Tattoo-Szene. Nach seiner Rückkehr aus der sowjetischen Kriegsgefangenschaft tätowierte er unzählige Fans. Im hohen Alter waren seine Werke nicht mehr ganz so perfekt, seine bunten Bilder blieben aber auch aus zittriger Hand beliebt. Auch an seinem eigenen “Bilderbuch”, wie er seinen bunt bemalten Körper gerne nannte, arbeitete Hoffmann bis zu seinem Tod kontinuierlich weiter. Herbert Hoffmanns Leidenschaft und seine Geschichte verdeutlichen eines: Für viele ihrer Träger sind Tattoos weit mehr als ein spontanes Urlaubssouvenir oder eine ungeliebte Jugendsünde. Wie unterschiedlich der Umgang mit der Tätowierkunst in unterschiedlichen Zeiten und Kulturen ist, verdeutlicht die Hamburger Ausstellung.

Rituale in Birma und Jahrmarktattraktionen der 20er: Die ganze Geschichte der Tattoos.

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Traditionelle Gesichtstätowierung: Ma Hla Oo aus dem nördlichen Rakhine fotografiert von Jens Uwe Parkitny.

Stars der deutschen Tattoo-Kultur wie “der König der Tätowierer” Christian Warlich oder eben Herbert Hoffmann werden hier den rituellen Gesichtstätowierungen der Chin-Frauen in Birma oder der Maori gegenübergestellt. Ferner berichtet “Tattoo” auch von politischen Reaktionen auf die bunte Körperkunst, wie dem Tattoo-Verbot in Japan von 1870 bis 1948 oder widmet sich dem Komplex “Frauen und Tattoos”, der von der Zurschaustellung stark tätowierter Frauenkörper als Jahrmarktattraktion in den 20ern bis zu den Varieté-Girls der 60er ganz unterschiedliche Formen angenommen hat. Neben einer Menge Geschichte zieht die Ausstellung aber auch Verbindungen zu zeitgenössischer Kunst und Design – mit Hausschwein Donata etwa oder einer  Projektion kontemporärer Tattoo-Arbeiten aus verschiedenen Ländern und ganz unterschiedlichen Stilrichtungen.

Fotos, Videos, Gemälde, Holzschnitte, Präparate – nur eine Sache fehlt der Hamburger Ausstellung: Wir!

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Tattoos gehören nicht nur auf die Haut, sondern ins Museum. Findet zumindest das Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg. Foto: Michaela Hille

Fotografien und Gemälde, Holzschnitte und Skulpturen, Videoarbeiten und Audioinstallationen, Vorlageschablonen und historische Hautpräparate erzählen von der bewegten Geschichte der Tattoo-Szene – rund ums Hamburger Hafenmilieu oder tief verankert in den Kulturen der Welt. So zeigt die Ausstellung “Tattoo” neben der historischen Bedeutung der Tätowierung vor Allem seine künstlerische Relevanz. “Der Stich unter die Haut fordert dieselbe ästhetische Vorstellungskraft und Sorgfalt, dasselbe handwerkliche Geschick und Wissen über Materialien und Farbgebrauch, wie andere gestalterischen Verfahren”, heißt es aus dem Museum. Das unterschreiben wir natürlich sofort und wünschen uns trotzdem noch was von der Ausstellung: Ein paar Exponate zur Geschichte der Klebetattoos an den Wänden des Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg bitteschön! Wir gehen dann schon mal unsere Bögen rahmen…

“Tattoo” bis 6. September 2015 im Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg, Bild: “Untitled” (2011) © Thea Duskin, Foto: Kimberly Frost

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