“Alles analog.”

“Alles analog.”
15. Dezember 2015 manuel

Grob, offensiv und bunt, ein junger Künstler aus Berlin – das muss Urban Art sein! Stimmt nicht immer. Auch wenn Martin Krusche früher schon die ein oder andere Sprühdose in den Händen hielt, will er sich der Street Art nicht unterordnen.

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Handgemacht: Martin zeichnet am liebsten analog.

Kunst, Kultur und Küche. Zumindest sprachlich stehen die drei in untrennbarer Verbindung: Ein gutes Theaterstück ist ein “besonderer Leckerbissen”, ein tragischer Film zuweilen “schwer verdaulich”, ein langes kompliziertes Buch muss sich das Synonym “dicker Schinken” gefallen lassen. Auch Martin Krusche vergleicht die kulinarischen Freuden mit dem visuellen Genuss. Alles, was sich im Dunstkreis um Grafik und Kommunikationsdesign bewegt, könne er nicht servieren. “Einer, der eine Kochlehre macht, kann auch nicht unbedingt alles gut kochen”, sagt er. Es kommt darauf an, sich auf die Filetstücke zu konzentrieren, die man perfekt zubereiten kann. Für Martin ist das die Illustration.

An der Berliner Fachhochschule für Technik und Wirtschaft, die mittlerweile das “Fach” gestrichen hat und sich heute nur noch HTW schimpft, hat der gebürtige Bayer Kommunikationsdesign studiert. Dass nicht alles, was er im Studium so gelernt hat, künftig auf seinem Speiseplan stehen wird, hat Martin schon früh gemerkt. Vieles sei ihm viel zu technisch. “Am liebsten sitze ich an meinem Tisch und zeichne. Alles analog.”, sagt er. Das schätzen seine Kunden. Nach der absoluten Perfektion suchen diese wohl eher nicht, wenn sie Martin einen Auftrag anvertrauen. “Meine Arbeiten haben ihre Ecken und Kanten. Nicht ganz so sauber, meistens sehr bunt, vielleicht auch ein bisschen auffällig”, sagt er, “nicht so dezent.”

Figürlich, darstellend, surreale Gestalten, abstrake Muster – willkommen in der “Hey-Total-Freaky-Ecke”.

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Bunt und darstellend macht Martin am liebsten.

Einen objektiven roten Faden, der sich durch seine Zeichnungen zieht, erkennt zumindest Martin selbst nicht so recht. “Sicherlich sagen die Leute, dass man erkennen kann, was von mir ist”, sagt er. Er habe mit den Jahren aber auch einen großen Wandel vollzogen. Ein paar Vorlieben sind jedoch von Dauer: Martin zeichnet gern figürlich und darstellend, surreale Gestalten und abstrakte Muster. Und eben bunt. Damit kann er bei seinen Kunden punkten, muss sich aber auch die ein oder andere Schublade gefallen lassen. “Sobald man Illustrationen macht, die ein bisschen witzig und knallig sind, ist man automatisch in dieser ‘Hey-Total-Freaky-Ecke’”, sagt er. Für alle Unternehmen, die mehr als fünf Mitarbeiter haben, sei das gleich unkonventionell. “Das finde ich eigentlich nicht so toll”, sagt Martin, “weil ich so oft für Firmen arbeite, die Sachen sagen wie ‘Jetzt machen wir mal was Verrücktes’”.

Für diese Unternehmen seien seine Arbeiten irgendwo in der “Urban Art” an zu siedeln. Tatsächlich hat Martin früher mal die ein oder andere Sprühdose zur Hand genommen, der Streetart würde er sich selbst aber nicht unterordnen. Das ist ihm zu knapp bemessen. “Diese Schubladen sind ja nicht umsonst Schubladen. Viele passen da auch rein”, sagt er, “es ist nur schade, dass es nicht größere Schubladen gibt.”

Immer dichter, geregelter, schicker: Martin mag Berlin trotzdem noch. Nur zu viele Rollkoffer findet er doof.

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“At any street corner the feeling of absurdity can strike any man in the face.”

Berlin tut da ihr Übriges, schließlich ist alles was aus der Hauptstadt kommt längst auch für den Mainstream total spannend. “Ich glaube der Hype hat mir schon zugespielt. Um einen Illustrator aus Berlin lassen sich ganz gut Geschichten drum zu stricken”, sagt Martin, “Ich will gar nicht wissen, was mir in manchen Marketing-Meetings mittelständiger Unternehmen so angedichtet wird.” Martins eigene Sicht auf die Stadt, in der er seit gut 13 Jahren lebt, ist ein wenig gekippt. Ihm wird es hier ein bisschen zu voll. “Berlin war mir früher sympathisch, weil die Stadt eine eher dörfliche Atmosphäre hatte, obwohl sie eine so große Metropole ist”, sagt er. Mittlerweile würde alles immer dichter, geregelter und schicker. “Kontrollierter”, sagt Martin. Seine Friedrichshainer Wohnung ist inzwischen umringt von Hostels. Zurück aufs Dorf zu ziehen, sei für ihn jedoch keine Option. “Ich will aber auch nicht über fünf Rollkoffer stolpern, wenn ich vor die Tür gehe”, sagt er.

Martins Mondgesicht ist ziemlich beliebt: “Wenn man Instagram glauben kann, hängt so ein Ding quasi in jedem skandinavischen Kinderzimmer.”

Auch wenn Berlin für Martins Arbeiten zum unfreiwilligen Verkaufsargument geworden ist, bringt der Rummel auch geschäftlich seine Schwierigkeiten mit sich. Alles was aus der Hauptstadt kommt, ist auch international mittlerweile heiß begehrt. Deswegen stößt Martin manchmal an Stellen auf seine eigenen Motive, an die sie gar nicht gehören. Vor Allem seine Illustrationen für das Modelabel Yackfou, das Martin 2003 mit einem Freund zusammen gegründet hat, werden oft kopiert. Besonders das Motiv “Für Nell” hat es den Kopierern angetan. “Ich habe den Mond mit großen Augen und Schnurrbart vor fünf Jahren entworfen und er wurde zu einem unserer am besten laufenden Motive. Wir haben Poster davon tausendfach verkauft”, erzählt er, “wenn man Instagram glauben kann, hängt so ein Ding quasi in jedem skandinavischen Kinderzimmer.” Das freut Martin natürlich. Dass sich auch große Firmen von dem Mondgesicht all zu sehr inspiriert fühlen, ist allerdings nicht so toll. Der gelb-blaue Einrichtungsriese aus Schweden zum Beispiel, hat kurzerhand ein paar seiner Lampen zu Werbezwecken mit einem Gesicht bepinselt, das Martins Mond verdächtig ähnlich sieht. Ein paar thailändische Fakes von Shirt-Designs gab es sogar schon nur wenige Meter vom Yackfou-Laden entfernt zu kaufen.

“Motive, die sich in Zeiten, in denen alle echten Tattoos total künstlerisch wertvoll aussehen müssen, vielleicht gar keiner mehr stechen lassen würde.”

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Traditionelle Motive mit mexikanischen Anleihen mag Martin offensichtlich gern. Seine beiden TATATAT-Bögen sind ähnlich aus.

Es gibt aber auch Momente, an denen sich Martin ziemlich freut, seine Motive zu entdecken. Wenn ihm ein Yackfou-Shirt auf der Straße entgegen kommt zum Beispiel. “Das ist etwas ganz anderes, als wenn einfach irgendwo ein Poster rumhängt”, sagt er, “das ist viel persönlicher.” Vielleicht zeichnet er deswegen nach mehr als zehn Jahren noch immer gern neue Designs, die dann per Siebdurck auf den Stoffen von Yackfou landen, obwohl er sich aus der geschäftlichen Seite des Labels vor rund drei Jahren zurückgezogen hat.

So hat er sich ein bisschen Zeit freigeschaufelt, um ganz unterschiedliche Projekte durch zu ziehen. Gerade hat er einen Adventskalender mit absurden und trotzdem recht festlichen Figuren gemacht. Darauf schlürft ein voll-tätowierter Nikolaus mit Sonnenbrille einen Drink, ein gut genährter Engel grübelt über seinem MacBook. Außerdem hat Martin einem Literatur-Klassiker seinen bunten Anstrich verpasst: In einem Jahr hat er Gottfried Kellers Novelle “Kleider machen Leute” in eine 120 Seiten starke Graphic-Novel umgewandelt, die es bald zu kaufen gibt. Und dann sind da noch die Klebetattoos: Für TATATAT hat Martin zwei Bögen entworfen. Einer ist mexikanisch inspiriert. Totenköpfe in Sombreros, ein Wrestler und kleine Tequila-Flaschen tummeln sich darauf. Mit Anker, Rose und Schwalbe gibt sich der andere Bogen da schon traditioneller. “Einen klassischen Bogen zu entwerfen lag für mich auf der Hand. Schließlich geht es bei Klebetattoos um das Vortäuschen und das kann man mit klassischen Motiven besonders gut”, sagt Martin, “Motive, die sich in Zeiten, in denen alle echten Tattoos total künstlerisch wertvoll aussehen müssen, vielleicht gar keiner mehr stechen lassen würde.”

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